Der Deutsche Frauenbund für alkoholfreie Kultur, im Jahre 1900 von Ottilie Hoffmann in Bremen gegründet, ist der älteste Frauenbund in Deutschland, der sich gegen Alkoholmissbrauch wendet.
Die Bedeutung der Mäßigkeits- und Abstinenzbewegung, welche um die Jahrhundertwende des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erlebte, wird in Ihrem ganzen Spektrum und in ihrer Relevanz für unsere Zeit erst deutlich, wenn man sie im Zusammenhang mit der Entwicklung anderer sozialer und politischer Bewegungen der damaligen Zeit betrachtet .
Ausgehend von rein karitativer Tätigkeit begannen verschieden Gruppierungen der deutschen Frauenbewegung des 19. Jahrhundert, sich auf breiter Basis für das Wohlergehen und das politische Wahlrecht der Frauen zu engagieren.
Im Zuge dieser Bemühungen um bessere Lebensbedingungen für Frauen entwickelte sich gleichzeitig die Bewegung für Mäßigkeit im Umgang mit dem Alkohol, der als Ursache großen gesundheitlichen und sozialen Elends, besonders in der Arbeiterklasse, erkannt wurde. Der Kampf gegen Alkoholmissbrauch wurde als soziale Arbeit gesehen ; als Kampf gegen Not und Verzweiflung in den Familien, gegen Unterdrückung und Gewalt, denen Frauen und Kinder ausgesetzt waren .
Eine dieser Frauen war Ottilie Hoffmann .
Sie wurde am 14.Juli 1835 in Bremen geboren. Der Vater war Großkaufmann. Als sogenannte höhere Tochter erhielt sie damals die bestmögliche Ausbildung.
Nach dem Schulabschluss schickte man Ottilie zu Verwandten nach England um all die Dinge zu lernen, die für eine gute Hausfrau nötig waren. Aber sie fühlte sich unglücklich und schrieb an ihre Eltern:" Hier wird man für das praktische Leben erzogen und erkennt die Nichtigkeit der sogenannten geistigen Bildung, wenn sie nicht mit vernünftigen Kenntnissen des Lebens vereint ist !"
Als sie 1851 nach Bremen zurückkam, traf der damalige Getreidekrach auch die Handelsgeschäfte des Vaters. Ottilie begann , ihren Lebensunterhalt ihren Lebensunterhalt als Lehrerin selbst zu verdienen - ein anderer Beruf kam für höherer Töchter auch überhaupt nicht in Frage. Anfangs unterrichtete sie Kinder aus befreundeten Familien, nach einem Jahr setzte sie ihre Laufbahn als Lehrerin für Deutsch und Musik in England auf der Insel Wight in einem Internat fort, bildete sich dort weiter, erweiterte ihre pädagogischen Kenntnisse und gewann so an Selbstsicherheit.
Nach 5 Jahren kehrte sie nach Bremen zurück und arbeitete wieder als Lehrerin in einer Schule und gab zusätzlich Privatunterricht. Zugleich widmete sie sich den kränkelnden Eltern. Als sich die finanzielle Situation im Hause Hoffmann besserte, dachte sie jedoch nicht daran ,ihren Beruf aufzugeben.
Aber die Doppelbelastung überforderte Ottilie, sie wurde unzufrieden und reduzierte deshalb ihre Erwerbstätigkeit. Trotzdem fand sie weder Ruhe noch eine innere Zufriedenheit. Sie suchte nach einem Betätigungsfeld außerhalb des Hauses.
Im Jahre 1880 schrieb Ottilie in ihr Tagebuch :"Hüte dich, dass du aus Liebe zur Familie nicht deine Interessen für das Gemeinwohl aufgibst .Hüte Dich, dass du aus Interesse für das Gemeinwohl dich nicht von der Familie zurückziehst. Auf beiden Wegen findest du Rosen und Dornen, erhalte dir beides, dass, wenn die Dornen des einen dich verwunden, du immer Rosen des anderen habest, an denen sich dein Herz erfreuen könne."
Seit längerem hatte sie die Diskussionen streitbarer Frauen um Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit und ihren Kampf um Bildung, Ausbildung und Berufstätigkeit mit Interesse verfolgt. Sie nahm Kontakt zu dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein in Leipzig auf. Sie kämpfte mit den Frauen der Bewegung, um ihnen einen Weg aus der Beschränkung auf häusliche Tätigkeit aufzuzeigen. Sie wollte den Mädchen eine den Knaben ebenbürtige Ausbildung ermöglichen und ihnen neben dem natürlichen Mutterberuf auch andere berufliche Perspektiven und Erwerbstätigkeiten aufzeigen.
Im Jahre 1867 gründete Ottilie Hoffmann mit Marie Mindermann in Bremen den "Bremer Frauenerwerbs- und Ausbildungsverein" zur Ausbildung von Mädchen für gewerbliche und kaufmännische Berufe.
1881 kehrte sie nach England zurück und nahm eine Stelle als Erzieherin im Hause Howard an. Hier wurde ihr das Wirken von Mrs Howard (spätere Lady Carlisle ) in Sachen Temperenz zum Vorbild für ihr eigenes späteres Engagement in der Abstinenzbewegung.
1890, als 55 -jährige, nahm Ottilie endgültig ihren festen Wohnsitz in Bremen. Im gleichen Jahr fand in Bremen eine Gewerbe - und Industriemesse statt. Beim Aufbau der Gerüste passierten 40 Unfälle, davon waren 15 Unfälle schwer. Da sie meisten Unfälle unter Alkoholeinfluss geschahen, beschloss Ottilie, hier Abhilfe zu schaffen. Zusammen mit Frau Senator Nielsen, der Gründerin des Vaterländischen Frauenvereins und Johannes Schröder wurde erreicht, dass ihnen ein kleiner Pavillon von einer Konservenfabrik zur Verfügung gestellt wurde.
Das war die Geburtsstunde der Ottilie-Hoffmann -Häuser.
Ottilie warb junge Mädchen an, die ehrenamtlich mithalfen. Diese Aktion wurde ein voller Erfolg und dieser ermutigte Ottilie , nach und nach in Bremen alkoholfreie Speisehäuser einzurichten.
Es ging ihr nicht nur darum, über die Gefahren des Alkohols am Arbeitsplatz aufzuklären, sondern auch darum, junge Mädchen aus guter Familie, die ja meistens ohne Beruf als Haustöchter lebten, zur praktischen Arbeit und an soziale Probleme heran zu führen. Diese ehrenamtliche Tätigkeit in den Ottilie-Hoffmann-Häusern, die bis zum 2. Weltkrieg anhielt, trug dazu bei, dass man ein günstiges Preisniveau halten und die Häuser wirtschaftlich betreiben konnte.
1891 gründete Ottilie den "Bremer Mäßigkeitsverein " , der 1915 umbenannt wurde in Verein für alkoholfreie Speisehäuser .Die Häuser waren in Bremer Straßen, in denen Arbeiter durch eine Vielzahl von Animierbetrieben in Versuchung geführt wurden.
Im Jahre 1900 gründete Ottilie den Deutschen Bund abstinenter Frauen in Bremen, der 1924 in Deutscher Frauenbund für alkoholfreie Kultur umbenannt wurde,
Ottilie unterstützte auch die Gründung verschiedener Vereine .Sie lud Lehrerinnen und Fürsorgerinnen zu sich nach Hause ein, um sie als Referentinnen für Schulen zu gewinnen. Ottilie besuchte Kongresse und hielt Vorträge. Sie organisierte Volksunterhaltungsabende, Vorträge mit bedeutenden Frauen, sowie musikalische und literarische Darbietungen, denen sich immer Informationen über eine alkoholfreie Lebensführung anschlossen. Ihr Bekanntheitsgrad wuchs und sie erhielt viele Einladungen zu Kongressen und Vorträgen. Sie sprach an vielen Orten in Deutschland, Köln , Dresden, Kiel und Berlin - auch aus Basel, Budapest und London erhielt sie Einladungen.
1903 erhielt Ottilie eine Einladung nach Berlin in das preußische Kaiserhaus, von der Kaiserin Auguste Victoria.
Die Ottilie -Hoffmann - Häuser waren in Bremen zum Inbegriff der Gastlichkeit geworden . Die Häuser wurden mit großem sozialem Engagement, mit Umsicht und Nächstenliebe geführt. Ohne das große ehrenamtliche Engagement vieler Frauen hätte diese Arbeit nicht geleistet werden können.
Insgesamt gab es einst 13 alkoholfreie Gasthäuser, die alle Ottilie - Hoffmann - Häuser hießen, die aber nach 1970 nach und nach aufgegeben wurden.
Ottilie Hoffmann starb am 20. Dezember 1925.
Doch was allemal bleibt, ist das Staunen über ein bedeutendes Lebenswerk und sind Respekt und Achtung vor einer Persönlichkeit, die ihren Weg unbeirrt ging, die couragiert gegen den Strom schwamm und ein gleiches von Frauen erhoffte, aber nicht erwartete, die trotz allen Eifers keine Eifernde war. Was bleibt ist die Bewunderung für eine Frau, die auch im hohen Alter von erstaunlicher Schaffenskraft und Schaffensfreude war und trotz alle Widerstände, trotz zuweilen Hohn und Spott, ihre Frau im Kampf gegen Alkohol und im Kampf für die Rechte der Frauen stand.